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AWO Quartiersprojekt präsentiert Zuwanderer-Geschichten

AWO Quartiersprojekt präsentiert Zuwanderer-Geschichten

Viele Nationen machen Völklingen aus

Ein quadratisches Heft, 43 Seiten und 10 Menschen, die ihren Weg nach Völklingen erzählen. Das ist das Ergebnis des „Nachmittagstees auf dem grünen Sessel“. Er brachte Menschen zusammen. Das Projekt hat die AWO im April 2018 in Völklingen-Wehrden gestartet. Ziel: die Einwohner, vor allem ältere Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, bei alltäglichen Problemen zu unterstützen und ihnen vor Ort die Möglichkeit anzubieten, sich im sozialen Leben zu engagieren. Nebenbei erzählten sie ihre Lebenswege, die wurden protokolliert und nun zusammengefasst.

Der grüne Sessel, der war der symbolische Ort, wo man Platz nahm und zurückblickte, sich erinnerte und den anderen vom eigenen Weg berichtete. „Der grüne Sessel ermöglichte Erzählungen. Die Menschen brachten Briefe, Dokumente, Erinnerungsstücke mit und ließen andere teilhaben. Wir sind sehr froh, dass wir zehn Menschen, mit den unterschiedlichsten Geschichten für uns gewinnen konnten“, sagt Dr. Sennur Agirbasli, die Quartiersmanagerin. Völklingens Oberbürgermeisterin Christiane Blatt ist begeistert von dem Projekt. „Die AWO ist ein langjähriger Partner, auf den man sich verlassen kann. Außerdem danke ich im Namen der Stadt den Menschen, die den Mut hatten, ihre Geschichte vorzustellen. Das ist ein großartiges Zeichen. Ihre Lebensgeschichten bereichern unser Völklingen“, führt die Oberbürgermeisterin fort.

Jürgen Nieser, Geschäftsführer des Landesverbands der AWO, begrüßt die Anwesenden im Festsaal des alten Rathauses in Völklingen mit den Worten: „Unser Projekt strahlt Zuversicht und Lebensfreude aus und davon lebt diese Stadt. Wir als AWO sind sehr stolz auf dieses Projekt und sind froh über den Zusammenhalt und die Solidarität, die hier entstanden ist.“ Durch die Zusammenarbeit seien Menschen verschiedener Nationen und einheimische Menschen aus Völklingen zusammengeführt worden. „Das hier ist ein Stück gedruckte Lebensfreude, die mit unserer Broschüre entstand. Ich danke allen für ihre Mühe“, so Nieser. Auch Jürgen Heermann, Kreisvorsitzender der AWO aus dem Regionalverband Saarbrücken, zeigte sich begeistert von dem Engagement im Quartiersbüro und dem entstandenen Projekt.

Im Rathaus kamen natürlich auch die Beteiligten zu Wort. Grazyna Gerlich erzählte: „Ich hielt immer einen gewissen Abstand zu Frauen mit Kopftuch und habe vieles nicht verstanden. Ich habe gelernt, dass diese Frauen genauso sind wie wir. Man muss die Menschen persönlich kennenlernen, um urteilen zu können. Dann ist es egal, welche Religion oder Nationalität jemand hat“, berichtete die Völklingerin, die sich ihren Vorurteilen nicht hingab, sondern sich öffnete und Freundschaften schloss. Auch Edgar Flick ist in Völklingen geboren, machte beim Projekt mit und berichtet: „Ich habe hier liebe Menschen kennengelernt und bin froh am Projekt teilgenommen zu haben“. Maria Nickel bringt für ihre Geschichte die Lehrbriefe und Bescheide ihres Vaters aus der Kriegszeit mit. Durch das Gespräch bemerken sie und Grazyna Gerlich, dass ihre Eltern sich beinahe begegnet sind. Als Nickels Vater im zweiten Weltkrieg durch Polen marschierte, saß Gerlichs Mutter angsterfüllt und ohne Gewissheit im Haus. „Heute sind die Töchter befreundet. Was würden unsere Eltern nur sagen? Wir sind froh, dass wir uns kennengelernt haben“, erzählen die beiden Frauen und sind ein Beispiel für gelebten Frieden durch Begegnung. Neruz Darwish, eine Einwandererin aus Syrien, hat durch den Grünen Sessel ihre Deutsch-Sprachkenntnisse enorm verbessern können. Nun traut sie sich sogar, vor anderen Deutsch zu sprechen und hat Bekanntschaften machen können. Das Quartiersprojekt eröffnete ihr Möglichkeiten, in Völklingen wirklich anzukommen. Davon berichtet sie. Der Vater ein Busfahrer, der Mann ein Landwirt, der Familie ging es gut. Sie hatten Immobilien und vermieteten selbst Wohnungen, bis der Krieg kam und sie alles zurückließen. Heute leben Geschwister in Europa verteilt, die Kinder lernen Berufe, die Familie hat einen neuen Lebensmittelpunkt. „Und alle leben in Frieden“, was das wichtigste sei. Neruz dankt Gott und den Menschen, die sie aufgenommen haben, unter anderen im jetzt vorgelegten Heft.

Während des Projektes haben sich Menschen kennengelernt, es wurden Freundschaften geschlossen. Das wird immer wieder offenbar. Das Projekt  der AWO soll nicht das Ende sein, es werden bereits neue Ideen gesammelt. Carmelo Vitello, Maria Nickel, Tuntul Öner, Franz Josef Petry, Grazyna Gerlich, Neruz Darwish, Hikmet Özkara, Mathilde Magarethe Therese Kraut, Salima Titi und Edgar Flick sind die Autoren. Ihre Geschichten vermitteln den Wert des Friedens, der Freiheit und Freundschaft direkt aus dem Völklinger Alltag.