Startseite

AWO Saarland News

Mittwoch, 30. Oktober 2019

40 Jahre Gewaltschutz und Antigewaltarbeit in den Frauenhäusern der Arbeiterwohlfahrt

Bei der Jubiläumsveranstaltung (v.r.n.l.): Mascha Nunold (Bereichsleiterin Frauenhäuser), Regionalverbandsdirektor Peter Gillo, Sozialdezernentin Birgit Mohns-Welsch (Landkreis Neunkirchen), Ministerin Monika Bachmann, Ines Reimann-Matheis, SPN-Direktorin Birgit Luhmann, Tatjana Schommer (Leiterin FH Neunkirchen), Stefanie Wies-Schording (Leiterin FH Saarbrücken), Prof. Dr. Margrit Brückner und SPN-Direktor Peter Barrois.

Der Saal im Saarbrücker Saarrondo war voll besetzt. Unter den Gästen viele haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser und KollegInnen aus der Opferschutzarbeit.

Jubiläumsveranstaltung blickt auf die Anfänge der Frauenhausbewegung, den Wandel zu einem professionellen Hilfesystem und auf die fachlichen Herausforderungen für die Zukunft.

40 Jahre Frauenhaus Saarbrücken, 30 Jahre Frauenhaus Neunkirchen, 33 Jahre Frauenhaus Saarlouis, alle in Trägerschaft der AWO Saarland. Grund genug, die Frauenhausarbeit im Saarland im Rahmen einer Jubiläumsveranstaltung und Fachtagung zu würdigen und gemeinsam mit Gästen und NetzwerkpartnerInnen zu feiern.

Es war das Anliegen der Veranstaltung, die Wurzeln und die Erkämpfung des Hilfesystems Frauenhaus als politische Bewegung zur Enttabuisierung häuslicher Gewalt noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, weiter zu verfolgen, wie sich die Arbeit im Laufe der Zeit verändert und professionalisiert hat, um dann Themen der Weiterentwicklung und Perspektiven für die Zukunft auszuloten: Es sei an der Zeit, die Arbeit der Frauenhäuser - obschon im Saarland bereits auf hohem Stand - weiterzuentwickeln, leitete die Direktorin des Sozialpädagogischen Netzwerks der AWO, Birgt Luhmann, als Moderatorin in die Veranstaltung ein.

Hierzu hatte die AWO Saarland zwei renommierte Expertinnen gewinnen können. Zum einen die Soziologin Prof. Dr. Margrit Brückner von der Frankfurt University of Applied Sciences, deren Veröffentlichungen zu Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt zur Grundlagenliteratur gehören, zum anderen die Psychologin Dr. Heike Küken-Beckmann vom Institut für Rechtspsychologie Rhein-Main in Darmstadt, die sich auf Partnerschaftsgewalt und Stalking sowie die Betrachtung der Paardynamik bei häuslicher Gewalt spezialisiert hat.

„Jeden zweiten bis dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch Gewalt des Partners", berichtete AWO-Landesgeschäftsführerin Ines Reimann-Matheis. „Gut, dass wir die Frauenhäuser haben. Obwohl wir alle wünschen, wir bräuchten sie nicht". Leider habe sich in den letzten 25 Jahren, seit sie in verschiedenen Positionen in diesem Bereich arbeite, nicht wirklich viel verändert, bedauerte auch Sozialministerin Monika Bachmann: Trotz den Weiterentwicklungen des Hilfeangebots im Saarland über Programme wie die vertrauliche Spurensicherung nach sexueller Gewalt oder die Täterarbeit der AWO für die gewaltausübenden Personen, ist die Gruppe betroffener Frauen nach wie vor groß. Dennoch sei es „eine großartige Arbeit, die die Frauenhäuser und die AWO hier machen." Häusliche Gewalt sei immer noch ein Tabuthema: „Viele Frauen sagen nichts, weil sie sich schämen" und „Wir müssen sie ermutigen, in solchen Fällen Anzeige zu erstatten", so Bachmann.

Der Rückblick auf die Geschichte der Frauenhausarbeit, den Margrit Brückner bot, zeigte die Entwicklung des Frauenhauses als Selbsthilfeinstitution und Instrument der praktischen Solidarität von Frauen für Frauen hinein in die Professionalisierung und Weiterentwicklung als Handlungsfeld Sozialer Arbeit. Die Wahrnehmung häuslicher Gewalt habe sich dabei stark gewandelt: Vom individuellen Unglück zum anerkannten Unrecht. Dennoch sei häusliche Gewalt vielschichtig und bedinge Folgen für Betroffene, die sich stark auf das Leben der Frauen auswirken: Geringes Selbstvertrauen, Passivität und Ambivalenz bei Entscheidungen sowie die Bindung an den gewaltausübenden Partner erschweren Prozesse der Loslösung und Öffnung in Richtung Selbständigkeit. Ein zusätzliches Problem, so Margrit Brückner, eröffne sich nach dem Frauenhausaufenthalt: „Wir entlassen die Frauen aus dem Frauenhaus in eine schwierige Situation. Alleinerziehend zu sein, ist der größte Armutsfaktor in Deutschland."

Wie kann Frauenhausarbeit in der Zukunft aussehen? Heike Küken-Beckmann referierte über paardynamische Ansätze in der heutigen Forschung zu Beziehungsgewalt, welche die partnerschaftliche Bindung, Interaktion und Gewaltdynamik in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des Hilfesystems liegen in dieser ganzheitlichen Betrachtung von Beziehungsgewalt: „Neben parteilicher Haltung für die Frau und gegen Gewalt braucht es eine allparteiliche Haltung im Blick auf das Paarsystem und Angebote, die sich daran ausrichten - insbesondere bei Ambivalenzen seitens der Frau, die Beziehung beenden zu wollen."

In zwei Dingen waren sich zudem alle Anwesenden einig: Es braucht eine bessere Vernetzung und Koordination mit anderen Institutionen, besonders mit den Jugendämtern, um häuslicher Gewalt gemeinsam entgegenzutreten und besonders den Schutz der Kinder zu sichern. Und es braucht eine generelle Ausweitung der Antigewaltarbeit, um Lücken im Hilfesystem zu schließen und ein ganzheitliches Angebot aufzubauen: Hier geht es um den Ausbau der Täterarbeit, bzw. der Beratung für Männer als Opfer sowie die enge Zusammenarbeit zwischen Frauen- und Männerberatern im Kontext häuslicher Gewalt, z.B. bei Gefährdungseinschätzungen oder Paargesprächen.

„Dringend erforderlich" ist für AWO-Geschäftsführerin Ines Reimann-Matheis zudem ein Bundesgesetz, das jeder Frau einen Rechtsanspruch auf einen Schutzraum vor Gewalt zuspricht. Das würde auch Frauen ohne Anspruch auf ALG II oder Sozialhilfe die kostenfreie Aufnahme in ein Frauenhaus ermöglichen.

Bei der Jubiläumsveranstaltung im Saarrondo war begleitend die Wanderausstellung „Wenn ich groß bin, schlag ich zurück" mit visualisierten Zitaten und Zeichnungen betroffener Kinder des AWO Frauenhauses Konstanz zu sehen, um auch die Betroffenheit der Kinder sichtbar zu machen.